Nie hätte ich vor drei Jahren daran gedacht, dass ich noch „entfernte Verwandte“ in Brasilien haben könnte. Mir war nicht einmal wirklich bewusst, wie viele Menschen vor 150 bis 200 Jahren unsere Gegend verlassen haben, um in der Ferne ihr Glück zu finden. Und dann stellte ich seit 2014 nach und nach fest, mit dem Erscheinen des Familienbuchs Klüsserath, mit der Reise nach Brasilien im November 2014 und anhand meiner vor drei Jahren gestarteten Recherchen, dass auch ein großer Teil meiner eigenen Familie zu den Auswanderern gehörte. Und so wie mir ergeht es vermutlich vielen Menschen aus Klüsserath und der gesamten Mosel-Eifel-Hunsrück-Region. Daher habe ich ein längst vergessenes Kapitel in der Geschichte nun wieder aufgeschlagen – mit meinem Buch „Verlassene Heimat Mosel“ möchte ich an all die Menschen erinnern, die ihre Heimat, ihre Verwandten und Freunde verlassen haben und deren Nachfahren nun wieder Kontakt zu uns haben. Und besonders an die „entfernten Verwandten“ der Klüsserather.
Dieses Buch, das im Herbst 2016 erschienen ist, habe ich den deutschstämmigen Brasilianern zu verdanken. Sie sind es, die uns gesucht und gefunden haben, ihre „entfernten“ Verwandten aus dem Trierer Raum. Und dank ihrer Mühen und Recherchen ist ein Zusammentreffen nach fast 200 Jahren entstanden.
Niemand geht freiwillig – es waren die jungen Leute, die jungen Familien, die alles hinter sich ließen. Ihre Familie, ihre Verwandten und Freunde und die Dorfgemeinschaft. Sie hinterließen Lücken, und der Kontakt war oft mit dem Fortgehen völlig abgebrochen. Mit dem Weggang verließen sie einen Teil ihrer eigenen Identität, ihr gewohntes Umfeld, ihre Kindheit und ihre hier geplante Zukunft. So sind heute viele Menschen aus der Region erstaunt, wenn sie zum ersten Mal von ihren „entfernten“ Verwandten hören.
Was wurde aus den Auswanderern von Mosel, Eifel und Hunsrück, die vor rund 200 Jahren ihrer Heimat den Rücken kehrten? Die Schwierigkeiten während der Reise und im Ankunftsland ähneln denen der heutigen Menschen auf der Flucht frappierend.

Verlassene Heimat Mosel
Falmouth / England 2016 history

Und ohne couragierte Zivilisten, spendenbereite Menschen und offene Kommunen hätten damals wie heute viele nicht überlebt.
Inhaltlich gesehen ist „Verlassene Heimat Mosel“ gleichzeitig Dokumentation, Recherche, Darstellung und auch Erlebnisbericht über die Auswanderung und die Auswanderer von Mosel-Eifel-Hunsrück nach Brasilien sowie Algerien und gleichzeitig Hinweis auf Parallelen zur heutigen Flüchtlingssituation in Europa. Es zeigt, wie die Vergangenheit (Hunger, Abschied, Brasilien-Auswanderung, Heimweh) die Gegenwart (Besuch von der Mosel, neue Familienbande) einholt.
Wer glaubt, ökonomische Gründe seien nicht stark genug um die Heimat zu verlassen, der wird von der Geschichte eines Besseren belehrt. Wir müssen dabei nicht weit schauen, weder zeitlich noch vom Standort her gesehen. Hungersnöte und Armut in der Eifel-Mosel-Hunsrück-Region waren im 19. Jahrhundert ursächliche Gründe für die Auswanderungswellen zahlreicher Menschen aus dieser Region. Begehrte Ziele waren Nord- und Südamerika.

Verlassene Heimat Mosel
Winterschneiss, Jacinto Klein recherchiert

Die Reise nach Bom Principio (Winterschneiss) im November 2014 zu den Nachfahren deutscher Auswanderer aus Klüsserath und vom Hunsrück hatte ich ohne jegliche Erwartungen angetreten. Denn bis kurz vor der Reise wusste ich kaum etwas von den Auswanderern, die ihre weite Reise in das für sie unbekannte Land Brasilien vor fast 200 Jahren angetreten hatten, so wie viele Deutsche damals. Und nun traf ich auf diese Menschen in Brasilien, und ich bekam Antworten. Antworten auf meine Fragen, was die Nachkommen von Mosel, Eifel und Hunsrück von uns „Zurückgebliebenen“ unterscheidet und was uns noch immer verbindet. Meine Neugier auf die Nachfahren der moselländischen Vorfahren – und auch meiner eigenen, wie ich im Nachhinein herausfand – wurde mit dieser Reise geweckt.

 

Verlassene Heimat Mosel
Felipe Kuhn-Braun
Familie von Peter Winter und Catharina Ledur aus Winterschneiss-Bom-Principio 1910

Nach fast 200 Jahren konnten wieder neue Familienbande mit der Auswandererfamilie Winter und ihren „entfernten Verwandten“ in Klüsserath geknüpft werden. Sowohl die direkten Nachkommen der Klüsserather Auswanderer in Brasilien wie auch die direkten Nachkommen in Klüsserath

Verlassene Heimat Mosel
Die Winterbrüder in Bom Principio ca. 1930

öffneten ihre privaten Fotoalben.

 

Die Auswanderung in ferne Länder vor mehr als 150 Jahren war nicht so einfach wie heute. Daher zeige ich in diesem Buch zudem auf, wie mehr als 800 Menschen aus der Moselregion Opfer falscher Versprechungen wurden und wie verlockend brasilianische Unterhändler sie anwarben. Im französischen Dünkirchen endete ihr Brasilienabenteuer, bettelnd und entkräftet verharrten sie fünf Monate hier bis sie dann mehr oder weniger ungewollt in Algerien landeten. In dem nordafrikanischen Land und während der Überfahrt kamen Zweidrittel der Auswanderer ums Leben. Unter ihnen waren 127 Familien aus dem Trierer Raum. Das Schicksal von einigen von ihnen wird beispielhaft kurz erläutert. Und als ob die Geschichte sich wiederholen würde:

Verlassene Heimat Mosel
Familie Winter-Welter am Grab von Wilhelm Winter

Auch heute, fast 200 Jahre später, ist Dünkirchen wieder Ort verzweifelter Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind.
Die Geschichte dieser Auswanderer erinnert uns an vieles, was heute in Deutschland und Europa mit den tausenden ins Land strömenden Flüchtlingen täglich die Schlagzeilen beherrscht. Hunger und Armut waren vor 200 Jahren bittere Realität in der Mosel-Eifel-Hunsrück-Region, viele Menschen, vor allem junge Familien, verließen diese Region. Sie brachten auf in ihnen unbekannte Länder und Kontinente, nahmen viele Risiken auf sich, um das erhoffte bessere Leben wahr werden zu lassen. Krankheiten, Unfälle und auch Schiffsuntergänge ließen nicht alle in der neuen Heimat ankommen.
Das Buch verbindet inhaltlich gesehen Geschichte mit der Gegenwart. Es geriert gleichzeitig als Sachbuch, Lesebuch und Erzählung. Es ist eine Zeitreise, die vor fast 200 Jahren beginnt und die weitergeschrieben werden kann in die Zukunft. Es ist ein Plädoyer für Toleranz in der Beurteilung von Aus- und Einwanderung, Verständnis für das Heimweh der Auswanderer, die sich auch noch Generationen später nach der alten Heimat sehnen. Und das unbeschreiblich gute Gefühl, entfernte Verwandte zu treffen. Das Gefühl der Verbundenheit über Kontinente hinweg. Denn wer wissen will, wer er ist, muss wissen, woher er kommt.

Verlassene Heimat Mosel – Niemand geht freiwillig
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Ein Kommentar zu „Verlassene Heimat Mosel – Niemand geht freiwillig

  • 29.08.2017 um 20:47
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    Hallo Monika,
    danke für diesen sehr aufschlussreichen Beitrag. Dazu passt m. E. sehr gut der auf der Website unserer brasilianischen Partnerstadt veröffentlichte Artikel über die Geschichte von Bom Principio und die in der Bildergalerie enthaltenen Fotos über den Besuch einer Delegation aus Klüsserath.

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